multimedial erleben – über den Medienkünstler Jonas Denzel

Wie uns der Medienkünstler Jonas Denzel in die Welt von Licht und Sound (ent-)führt.

Bild oben: Beatlights Jonas Denzel (Winner iMapp Bukarest 2021)

Multimediale Kunst – längst ein etablierter Begriff, der aber für die meisten von uns noch immer viele Fragen aufwirft; was ist eigentlich multimediale Kunst, (wie) können wir diese abgrenzen etwa von der Filmkunst, die ja mit Bild und Ton, Musik und Sprache/Text (sicher zu selten, doch manchmal mit poetischen Qualitäten) mehrere Medien integriert?

Erstmal bei Wikipedia nachschauen ist nie falsch; hier lesen wir: “Multimediakunst ist eine Form der Kunst, bei der Elemente von Multimedia als Gestaltungselemente zusammen und gleichzeitig benutzt werden. (…)“

Ein Anfang zwar, der uns natürlich noch unvollständig erscheint. Naheliegend deshalb, anhand eines konkreten Beispiels, wenn schon keine Definition, so doch eine Annährung zu versuchen: Hier in Karlsruhe (eine UNESCO-City of Media Arts) lebt und arbeitet der international schon bestens renommierte und erfolgreiche Medienkünstler Jonas Denzel:

Bild rechts: blickpunkt, Jonas Denzel (Zauberwald Lenzerheide, Schweiz, 10. – 30.12.2021)

Dazu der Künstler:
“Trees that look at you. Trees that wink at you. Trees that scan the environment. Trees that observe. In the work “blickpunkt” nature enters into a dialogue with humans.”

Wer die Schlosslichtspiele kennt, die das ZKM am Karlsruher Schloss jährlich zelebriert, hat schon einige spektakuläre Arbeiten von Jonas Denzel erleben dürfen. Im Künstlergespräch erläutert mir Jonas Denzel, welch aufwändige und umfangreiche Vorarbeit erforderlich ist, um solche Projection Mappings zu realisieren.
Fotografien, aber auch Zeichnungen und genaue Messungen der jeweils bespielten Objekte sind Voraussetzung dafür, dass die Projektion nachher “genau passt“. So war 2018 seine Projektion „hands-on“ Publikumsliebling bei den Schlosslichtspielen in Karlsruhe. Auch bei dem Projekt, schwarzARTtor in Rottweil ahnt man, wie viel Arbeit es war, jeden Stein des Turms exakt anzusteuern.

Bild oben: Jonas Denzel bei den Karlsruher Schlosslichtspielen 2023
fulminant, farbgewaltig und oft sehr malerisch. “hands-on“ (Foto: KME / Jürgen Rösner)

Zu seinem Projekt in Rottweil bringt mir Jonas Denzel den dazu entstandenen kleinen Katalog mit, herausgegeben von Bildhauer Jürgen Knubben, der als Leiter des Kunstvereins Rottweil auch für die künstlerische Gestaltung des Programms zum 50. Geburtstages des Kunstvereins verantwortlich war: mit 50 Kunstwerken aus 50 Jahren. Wichtig war ihm dabei, “das Vergangene Revue passieren zu lassen und gleichzeitig den Blick nach vorne zu wagen (…). Mit dem Projektionsmapping von Jonas Denzel am Schwarzen Tor wurde eine künstlerische Ausdrucksform der digitalen Jetztzeit einem breiten Publikum geboten“ schreibt dazu Jürgen Knubben, der schon in den Jahren 2020/21 mit dem Thema „analog/ digital“ diese Zeitenwende zum Thema des Kunstvereins-Programmes gemacht hatte und der dann mit Jonas Denzel für das Jubiläum 2021 seine Idealbesetzung fand.

Bild links: schwarzARTtor, Jonas Denzel (Rottweil 2021):


Durchaus erinnert diese Einstellung an Gerhard Richters „Gestaltung in Köln – Richter Fenster Kölner Dom“. Auch Jonas Denzels Projektion in Rottweil lebt aus dem vollen Lichtspektrum, das dem Künstler zur Verfügung steht.

Wenn seine Präsentationen mit Standing Ovations gefeiert werden, ist dies für Jonas Denzel der doppelt verdiente Lohn – sowohl für seine künstlerische Kreativleistung als auch für die vorangegangene Fleißarbeit. Von großer Relevanz ist dem Künstler, der Schlagzeug und Percussion als zwei seiner Hobbys nennt, die Musik, die einen wichtigen Teil seiner Projections ausmacht. Zur Vorarbeit gehören immer auch Vor-Ort Untersuchungen des zu bespielenden Objekts: Jonas Denzel schaut sich seine Projektionsflächen genau an und versucht, mit seiner Erfahrung als Musiker, die Oberflächen zu erspüren – unter anderem klopft er auf das Material, um dessen Sound zu erfahren. Das heißt, der Künstler bedient sich nicht nur visuell des Objekts, sondern auch auf der Soundebene. Mittels Fieldrecording werden ausschließlich Sounds durch Klopfen verschiedener Rhythmen an der Fassade erzeugt, die dann Teil Komposition werden.

Bild oben: explore, Jonas Denzel (The Mart Chicago 2022)

Auch in seinem Werk “explore”, das 2022 seine Uraufführung auf der riesigen Fassade theMART in Chicago hatte bediente sich der Künstler dieser Technik. So die Werkbeschreibung: Inspired by drums, Denzel’s work is often interactive and rhythmically adept, created in reference to the surrounding environment (…)

Jonas Denzel’s piece “explore” features a barrage of hands discovering the architecture of theMART’s façade. Inspired by drums, Denzel’s work is often interactive and rhythmically adept, created in reference to the surrounding environment (…)

Bild links: beambike, Jonas Denzel (Kanal im Schnee 2024)

Mit großen Projekten in Mexiko, Rumänien, Ungarn, Schweiz aber auch in den USA ist der gelernte Medienkünstler weltweit unterwegs. Der Filmemacher, der auch Dokumentarfilme produziert, hat klar den Bereich des Projection Mappings zum Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens gemacht; hier spielt er in der Championsleague, wo er schon zahlreiche Preise gewonnen hat, um bei der Analogie zur Sportwelt zu bleiben:

Die Highlights von der bisherigen Karriere von Jonas Denzel listen wir ausnahmsweise auf, weil diese auch eine Vorstellung davon geben, wie international und differenziert dieser Teil der Kunstszene schon ist:

2024 Finalist at IBSIC Video Mapping Festival, Lille FRA
2021 Winner at iMapp Bucharest international video mapping competition, Bucharest, RO
2020 Medienförderung UNESCO City of Media Arts « from the city of Karlsruhe, GER
2019 Winner Video Mapping Competition Genius Loci, Weimar, GER
2019 Award from Art Directors Club (ADC) Germany for “hands-on”, Hamburg, GER
2018 »hands-on« selected as the audience favorite at Schlosslichtspiele Karlsruhe, GER
2017 Winner at Short on work Filmcontest with Eight Hours, Modena, ITA
2017 Fulbright Scholarship, Certificate of Completion, Washington D.C., US
2017 Award »Best Graduate Film« for film Eight Hours at Temple University Philadelphia, US
2016 »Art Talent« at Contempurary Art Ruhr, Zeche Zollverein Essen, GER

Die Beispiele, die wir hier in unserem Porträt nennen und die zu vertiefen auf der Website des Künstlers wir unbedingt empfehlen, geben uns doch einigen Einblick in das, was multimediale Kunst sein kann. Dass hier viele verschiedenen Medien integriert werden, erklärt schon der Begriff multimediale Kunst. Wie Jonas Denzel mit seinen Projection Mappings (Bewegt-) Bild, Ton/Musik, Licht (-skulpturen) und oft auch Theater-Inszenierungen jeweils zu einem Gesamtkunstwerk ineinander arbeitet; wie sogar haptische Elemente in seine Arbeit einfließen, das möchte ich durchaus als faszinierend beschreiben.

Bild links: BEATBOX, Jonas Denzel (Leipzig 2021, Foto: Luca Migliore)

Der Begriff “multimediale Kunst” bleibt “im Allgemeinen” dennoch schwer fassbar, da diese neue Kunstform sich ja ständig weiterentwickelt, immer lebendiger und nuancenreicher wird. Doch sind wir mit der “Unterrubrik” des “Projection Mappings” wohl auf dem richtigen Weg, um klarer zu sehen. Das Projekt “Beatbox“, das Jonas Denzel in 2021 im Kunstkraftwerk Leipzig realisiert hat, veranschaulicht besonders gut, wie und warum sich das Projection Mapping als eigenständige Kunstform etabliert hat:

Schon die Videodokumentation der Arbeit im Kunstkraftwerk zieht uns hinein in die Medienwelt des Künstlers; der Begriff der “immersiven Kunst”, den ich bislang als “eher modisch als bedeutend” fehleingeschätzt hatte, wird hier erlebbar: Rundum erzeugen die Projektionen eine eigene Welt. Denzel verzichtet hier weitgehend auf Farbgewalt; souverän arbeitet er hier reduziert mit schwarz-weißen Bildern. Der perkussive Sound gibt dieser Welt einen eigenen Rhythmus. Denzels Arbeiten sind dahingehend bahnbrechend, da das Publikum nicht nur Rezipient ist, sondern aktiv in die Arbeit mit einbezogen wird. Durch Call and Response werden die Rezipienten dazu animiert, Teil des Kunstwerks zu werden.

Denzel als Regisseur bestimmt die Melodie des Films und dessen Geschwindigkeit, was mir als Filmfreund immer sehr wichtig ist (bei den Filmen, die ich liebe ist dies oft eine vermeintliche Langsamkeit). Scheinbar leicht und locker entwickelt Jonas Denzel diesen Dialog von Kopf und Händen zu einem Crescendo, welches in einem Beifallssturm mündet.
Bitte schauen Sie selbst: BEATBOX

Bild links: beambike Jonas Denzel (Rheinhafen Karlsruhe 2022)

2018 entwickelte der Künstler das weltweit einzigartige beambike – Ein Lastenrad mit eingebauter Projektionstechnik. Damit gelingt es dem Künstler, spontan, autark und individuell Orte künstlerisch mit Projektionen in Szene zu setzen. Dazu der Künstler: „Das Besondere am beambike ist, dass ich damit auch Orte erreiche, die sonst wenig Aufmerksamkeit erhalten“. Mit dem beambike war der Künstler auch schon international unterwegs. Bei der Eröffnungsfeier der Kulturhauptstadt Europas 2023 in Temeswar, Rumänien, zeigte er mit dem beambike die Arbeit Ballet of the Cities auf unterschiedlichen Fassaden der Stadt.

Das technische Können und Wissen, das für diese Arbeit notwendige Voraussetzung ist, darf man (wie Pinsel und Farben bei einem Maler oder die Sprache für einen Lyriker) als Handwerkszeug betrachten.
Dank eines Fulbright-Stipendiums konnte Jonas Denzel Film and Media Arts in Philadelphia (USA) studieren. Diese Förderung war, so berichtet der Künstler, außerordentlich wertvoll für ihn. Hier in seiner Heimatstadt Karlsruhe wurde er in seiner weiteren künstlerischen Arbeit auch von Peter Weibel sehr unterstützt.

Denzel belegt durch seine Arbeiten ein visionäres Vorstellungsvermögen und eine hohe Sensibilität für Bilder und Musik. Auch kollaboriert er mit dem Staatstheater Karlsruhe für die Arbeit Ballett of the cities, die international gezeigt wurde.

Die heute erfolgreichen jungen Medienkünstler, technikaffin und oft, wie eben auch Jonas Denzel, international erfahren, leben in einer anderen Welt, als wir alten Leute sie von früher kennen. Mit dieser Kunst aber entdecken wir Wege, wie wir dennoch Verbindungen finden und ganz Neues erfahren: Sie artikulieren, so können wir es formulieren, das heutige Lebensgefühl – nicht das einer “Last Generation“, sondern eben einer “New Generation“. Wenn wir, und das empfehle ich, hier ein Stück mitgehen, so lernen wir womöglich, wie wir die Kunst und unsere – ja immer schon multimediale – Welt selbst immer wieder neu und anders wahrnehmen können und sie – idealerweise auf die hier vorgestellte – auch künstlerisch hoch reflektierte Weise:

multimedial erleben.
Jürgen Linde im März 2024