Hinkelstein: | Nr. 83 am 20.09.2026 | eine Zwischenbilanz
Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,
wenn diese Überschrift verwirrend klingt, so liegt dies einzig und allein daran, das sie verwirrend ist – weil ich es auch bin:
Thema ist heute, ja, endlich mal: die KI, deren aktuelle Entwicklung offenbar niemand mehr überschaut, versteht, angemessen einschätzen kann. Zumal ja selbst die Unternehmenschefs und die Chefentwickler der großen AI-Unternehmen ständig selbst warnen vor den womöglich vernichtenden Auswirkungen dieser neuen Technik auf die gesamte Menschheit.
Wie sich nachher zeigen wird, passt zu diesem Hinkelstein die zeitlose, wunderbare Musik von Arvo Pärt
YouTube – Arvo Pärt: Spiegel im Spiegel (Der Link öffnet ein neues Window – mein Tipp: Jetzt schon reinhören, dann „reicht“ die Musik bis zum Endes dieses Textes)
Klarer als bisher müssen wir in unserem Themenkontext unterscheiden zwischen Digitalisierung und Social Media einerseits und andererseits der Künstlichen Intelligenz, die, ähnlich der Industriellen Revolution, zu einer wirklich neuen – revolutionären, historischen Rationalisierungstufe (im Sinne von Max Weber) führen könnte, Dazu weiter unten.
Denn weiterhin betrachte ich hier alle drei Aspekte – Digitalisierung, Social Media und KI – als Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung; als Elemente des sich weiter entwickelnden Kapitalismus, der durch die Social Media mit global neuen Höchstleistungen auftrumpft; hier eine Weiterentwicklung innerhalb der gesellschaftlichen Entwicklungsphase Digitalisierung / Kapitalismus. Eine evolutionäre Fortentwicklung also, kein Paradigmenwechsel.
Tatsächlich habe ich wohl, naiv wie ich bin, die ganze Social-Media für nicht viel mehr gehalten als für eine ziemlich kluge Marketingstrategie der spätkapitalistischen Großkonzerne. Viele andere kritische Journalisten dachten oder denken genauso.
KI-Schreckensszenarien lenken von realen Gefahren ab (Deutschlandfunk):
Die Fähigkeiten künstlicher Intelligenz nehmen schnell zu. Auf Risiken hinzuweisen ist wichtig. Doch die Warnungen vor einer KI, die sogar die Menschheit auslöschen könnte, nutzen vor allem den Tech-Konzernen – und wirken wie eine Marketing-Strategie.
Open-AI-Agenten, die autonom einen Hacking-Angriff planen und erfolgreich durchführen. Ein Forscher beim Konkurrenten Anthropic, der warnt, dass unkontrollierbare Agentenschwärme in der nächsten Dekade die Menschheit auslöschen könnten. Ein Kollege von ihm, der deshalb medienwirksam kündigt. All das sorgt für Angst und Ehrfurcht vor einer bald gottgleichen KI – und bedient ein Narrativ, welches Open-AI und Anthropic, die beide gerade vor einem milliardenschweren Börsengang stehen, in die Karten spielt.
Auch heute (20.09.2026) titelt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Feuilleton: „Das Geschäft mit dem Weltuntergang“ (FAS Nr 38; S. 33).
Mit Digitalisierung und Social Media ist womöglich ein Endpunkt erreicht: die maximale Durchkapitalisierung aller Lebens- und Bewußtseinsebenen. Alle unsere Wünsche und Vorstellungen und Bedürfnisse werden unmittelbar umgesetzt oder übersetzt – ökonomisch gesprochen: in Bedarfe. Es gibt jeweils die genau passenden Produkte, um jeden Bedarf zu bedienen.
Nehmen wir dazu -als paradigmatisches Beispiel – Instagram. In der FAS vom 13.09. beschreibt eine selbstkritische Instagram Userin, wie sie sich morgens dabei ertappt, immer wieder nachzusehen, welcher “Foodtrend“ gerade als Schlüssel für ein besseres Leben gehandelt wird.
Insta fördert unmittelbar unsere Außenorientierung. Wir vergleichen uns mit anderen – heute aber unterstützt von Dritten: Seien sie Influencer wie etwa bei Looksmaxxing (sei männlich, sei stark – trink mehr Protein-Shakes) oder wie früher auch schon, einfach nur Freunde, die man womöglich sogar analog, real kennt.
Was würden jetzt in meiner Situation gerade die anderen machen, wie sehen sie mich…
Dies kann, wie wir ja inzwischen empirisch wissen zu einer Abhängigkeit führen – das Selbstbild spiegelt nur noch das vermutete oder tatsächliche Fremdbild, das andere von mir haben.
Der nächste Schritt ist dann die Hörigkeit: was soll ich tun, um mein Fremdbild den Anforderungen anzupassen?
Die Antworten dazu (es handelt sich dabei immer um Kaufempfehlungen, die man/frau nur noch anklicken muss und schon wird geliefert) gibt dann die Influencerin – zukünftig wahrscheinlich immer öfter ein Avatar, ein KI-Agent:
Mit den gerade weltweit und bald auch via Space X im Weltall entstehenden, riesigen Rechenzentren und Speicherkapazitäten wird es wohl kein Problem sein, jedem einzelnen Menschen seinen ganz individuellen persönlichen Coach, Berater, Influencer zur Verfügung zu stellen.
Der Totalitarismus, vor dem wir hier ja schon lange warnen, erfährt in diesem Szenario eine ganz neue, früher tatsächlich unvorstellbare Qualität. Dein Personal-Coach ist dann auch überall dabei und weiß immer genau, wo Du bist; Deine Smartwatch überwacht in Echtzeit Deine Gesundheitsdaten und Dein aktuelles I-Phone hört, was Du sagst – schon das jetzt gerade neu vorgestellte (auf- und zu-klappbare) I-Phone kann Gespräche mithören und anschließend für Dich (oder andere) zusammenfassen.
Wer bei alldem, so wie ich, Angst bekommt, ist sicher nicht alleine.
Angst aber sei, sagt man ja, kein guter Ratgeber. Das glaube ich auch. Aber Angst ist vielleicht manchmal ein guter Impulsgeber; regt sie doch womöglich zum Nachdenken an.
Dazu habe ich zwei Strategien, zwei Fragestellungen:
Was können wir in der Kunst dazu finden?
Und was passiert, wenn wir das ganze Thema vom Gegenteil her beleuchten und versuchen, es dialektisch und mit Abstand zu betrachten?
Wenn wir die weitreichende Außenorientierung, die uns die Handykultur und Social-Media gebracht haben (Stichwort Instagram, sozialer Anpassungsdruck, Fixierung auf Äußeres) als das aktuelle Stadium des Spätkapitalismus begreifen, so imaginieren wir die beschriebene vollständige Selbstentäußerung als die Reduktion des Menschseins auf seine äußere Hülle – und auf seine konsumptiven Handlungen. Während das Innere austauschbar, beliebig wird und keine Bedeutung mehr hat.
Ein Seinszustand, den wir “abstrakt“, etwa wie in dem Film „Die Matrix“ nachvollziehen können, der uns aber mit unserem eigenen Selbstbild völlig unvereinbar erscheint: für uns ist unsere Innenwelt unser “Ich“, das Subjekt des eigenen Handelns, ein Ich, dass sich wahrscheinlich im Laufe des Lebens (Erwachsenwerden usw.) verändert, im Kern aber dasselbe bleibt.
Stattdessen können wir unser Äußeres recht flexibel verändern: ein anderer Haarschnitt, ein anderer Kleidungsstil, etc. – immer schon verändern wir unsere äußere Erscheinung: wir passen unsere Kleidung der Jahreszeit an oder folgen (mit oder ohne Social-Media-Influencing) irgendeinem Modetrend und betrachten dabei unsere offenbar flexible äußere Erscheinung als Ausdruck unserer – als relativ statisch angenommenen – Identität, unseres „Ichs“.
Ist dieses Ich in unseren Zeiten der Social Media, der Digitalisierung – und der Avatare womöglich ersetzbar, austauschbar, beliebig geworden?
Mit dem “Ich“ führen unsere Überlungen unweigerlich in die Freud’sche Begriffs- und Denkwelt; eine interessante Abschweifung: Wenn das Ich das autonom handelnde Subjekt ist, dann müssen wir wohl das Über-Ich identifizieren mit Big Brother und den Social Media: nicht mehr unsere Eltern, unsere Kultur und/oder unsere Religion sagen uns, was und wer wir sind, sondern die Anweisungen des kapitalistisch gesteuerten Influencer-Avatars. Denkbar ist dies schon, irgendwie.
Was wäre dazu das Gegenteil, gibt es ein solches? Radikal gedacht: ja selbstverständlich! Bei Franz Kafka und dessen Erzählung “Die Verwandlung“:
“Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“.
Intuitiv nehmen wir an, dass Gregor Samsa, den wir ja erst hier – durch, bzw. dann nach Kafkas genialem Anfang seiner Erzählung – kennen lernen, “innerlich“ derselbe Mensch geblieben ist, der er bis dahin war. Samsas Identität also bleibt dieselbe, während sich sein Äußeres sehr radikal verändert.
Im Verlauf der Erzählung sehen wir dann, dass Gregor Samsa, der seine Verwandlung zum Käfer ja recht gelassen hinnimmt, natürlich kein unproblematischer Mensch war, sondern sich sich in verschiedenen Widersprüchen befand mit seinem Beruf und auch mit seiner Familie, bei der er lebte.
Kafka verweist uns letztlich, modern gesprochen, auf die Dialektik zwischen Innen- und Außenwelt, die ein wichtiger Aspekt unseres Menschseins ist.
Insofern gehen wir davon aus, dass auch der entschlossenste und fanatischste Instagram-Junkie, der einfach ALLES tut, um dem Fremdbild zu entsprechen, das ihm der Influencer und der kapitalistische Konsumterror aufdrücken, noch immer auch als ein handelndes Subjekt existiert. Dass ein Kern des Menschen existiert; vielleicht in dem Sinne, in welchem Kafka mehrfach in seinen Tagebüchern im Menschen etwas Unzerstörbares verortet. Ohne nun in religiöse oder auch esoterische Gedankenwelten abzuschweifen, möchte ich dieses Unzerstörbare als unsere Seele begreifen.
Gregor Samsa erlebe ich in diesem Kontext als Idealtypus des Widerstands: er rettet seine Innenwelt, indem er sein Äußeres als trotzige Antwort gibt auf und als Ablehnung der Forderungen nach Anpassung des Äußeren an die Fremdvorgaben von Seiten des Über-Ichs.

Bild links: Mona Breede: Remote, 2024, 71 x 56 cm
© Mona Breede; VG Bildkunst Bonn, 2026
In dieser radikalen Dialektik zwischen Innen- und Außenwelt erscheint uns das Schicksal des Gregor Samsa, geheimnisvoll, vielleicht auch märchenhaft. Auch die „obskuren Endzeit-Ideologien mit religiösen Zügen“ (FAS am Sonntag, dem 20.09.2026; Seite 33: Das Geschäft mit dem Weltuntergang“) muten ja eher (dystopisch-)märchenhaft an; ein wenig aber auch inzwischen etwas langweilig.
Ganz anders als Kafkas Erzählung, die wir in diesem Kontext lesen können als Verweis auf das postdigitale Zeitalter.
Einen ähnlichen Verweis hatten wir schon einmal gewagt in einem unserer Künstlerinnen-Porträts – mit dem Titel, entliehen von einem anderen Künstler: Roland Emmerich: The Day after Tomorow.
Nicht zufällig geht es auch hier um die „Entleerung des Inneren“ – und dessen Rekonstruktion:
[The day after tomorrow – über Michaela A. Fischer]
Nach Roland Emmerich werden wir die die nächste Eiszeit vielleicht noch selbst – und bald – erleben; vielleicht dauert es aber auch noch etwas länger.
Bleiben wir in unserer Epoche: zeitlos und zukunftsweisend war ja, wie gerade wieder gesehen, Franz Kafka.
Ich nenne deshalb dieses Hinkelstein
Gregor Samsa und das postdigitale Zeitalter
Und auch heute gibt es wie immer bei und zeitlose und gute Kunst in den guten Nachrichten zur Kunst am Sonntag, dem 20.09.2026:
Neu am 20. September 2026: | Künstler | 01. – 08.10.2026 | Wolfgang Neumann und Sebastian Rogler | Kulturbunker am Diakonissenplatz Stuttgart | Vernissage mit Konzert! | Do, 01.10.2026; 19 Uhr: | 01. – 08.10.2026 | „Zur schönen Aussicht“
Neu am 20. September 2026: | Städtische Galerie „Fähre“ Bad Saulgau | 11.10.2026 – 24.01.2027: | Schwebendes Schwarz, Fliegenes Rot, leuchtendes Gelb
– Werke von Fritz Winter und neue Positionen – Isa Dahl und Eva Hocke
Neu am 20. September 2026: | Uli Rothfuss: | Buchtipps von Uli Rothfuss | „Die Riesinnen“, Roman von Hannah Häffner: | Der Wald als das Große.
Neu am 20. September 2026: | Newsletter Hinkelstein: | Hinkelstein 83 – Gregor Samsa und das postdigitale Zeitalter