Hinkelstein 49 | 27.07.2025 | Die Selbstentblößung der Seele – sind wir Menschen überflüssig?

Bild oben: Gloria Keller: ‘In the year 2525‘, 2025

Hinkelstein, der wöchentliche Newsletter des kunstportals baden-württemberg:
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Klarerweise knüpfen wir wieder an unsere Planung im letzten Hinkelstein (48) an: Um der Übersichtlichkeit, um der Lesbarkeit (modern: Usability) willen: Heute aufgeteilt in 3 Kapitel:
Zuerst die Frage nach der Überflüssigkeit, nach der Antiquiertheit des Menschen, über die wir letzte Woche schon nachzudenken begonnen hatten:
A: Ich bin nicht überflüssig.
B: Alles wird gut, wir schaffen das
C: Die Selbstentblößung der Seele

A: Ich bin nicht überflüssig
Sind wir Menschen überflüssig? Das klingt zuerst einmal vielleicht witzig? Als aufmerksamer Leser aber wissen Sie ja schon, dass wir uns heute erneut mit der Antiquiertheit des Menschen befassen wollen, was den Ernst hinter dem Titel erklärt.
Nicht zufällig war ja schon im Hinkelstein Nr. 47 verstärkt der Philosoph Günther Anders in unseren Fokus geraten – mit seiner „Antiquiertheit des Menschen“ und deren Untertitel: Die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution  verband er bereits die beiden Aspekte, die heute im Zentrum unserer Überlegungen stehen. Zwei Aspekte einer einzigen nur ganzheitlich verständlichen Entwicklung.
Meine These war ja, dass wir uns eine Zukunft, in der wir Menschen überflüssig sind, nicht vorstellen können.
Hauptargument ist dabei die Annahme, dass wir das emotional, psychisch – seelisch – nicht aushalten würden und vielleicht auch nicht wollen. So entstand unser Titel letzte Woche: Die Traurigkeit der Seele.

Eben hier arbeiten wir heute weiter: Unsere Zukunft als Menschen müssen wir unter zwei Aspekten betrachten: Einmal die technische Entwicklung – Rationalisierung, Produktivität, Automatisierung, Digitalität, AI und AGI (Artificial Intelligence und Artificial General Intelligence). Hier erscheint eine Welt, in der es keine Menschen mehr braucht, durchaus möglich, vielleicht sogar logisch? Damit befassen wir uns unten in Kapitel B (Wir schaffen das).

In Kapitel C kommen wir zurück zum Thema Seele und dann kommt auch, wie versprochen, Peter Sloterdijk erneut ins Spiel – wir gelangen zu einem neuen Aspekt: die Technik – Digitalisierung, Vernetzung und Künstliche Intelligenz – bewirken einen Prozeß, den wir als Selbstentblößung der Seele beschreiben.

Die Frage nach unserer Überflüssigkeit führt (in unserem Kontext) unmittelbar zur nächsten: Bin ich (ob überflüssig oder nicht) überhaupt ein Mensch? Oder eben doch nur ein Avatar mitten in der Matrix? Kaum zu beantworten? Also was solls.

Nächste verwirrende Frage: können wir uns eine Zeit nach der Digitalität überhaupt vorstellen?
Auch schwierig, Aber andererseits: konnten sich seinerzeit die Dinosaurier ein Zeitalter vorstellen, in welchem sie nicht mehr die Erde (na ja, wahrscheinlich dachten sie weniger an die Erde als ihren Planeten, sondern eher einfach so an die Gegend; hier außenrum halt) beherrschten, sondern nur noch als Skelette in naturkundlichen Museen und als Avatare in Hollywoodfilmen (Jurassic Park 1 bis X) existieren würden?

Im Ernst fällt es uns Menschen schwer, uns vorzustellen, dass wir als Art überflüssig sind oder werden könnten. Und doch spricht vieles dafür.

B: Alles wird gut.
Versuchen wir einmal, dies positiv zu sehen – als Utopie im besten Sinne:

Alles wird gut, wir schaffen das.

Wieder im Schnelldurchlauf: betrachten wir die Geschichte der Menschheit als Wirtschaftsgeschichte, als Geschichte der verschiedenen Produktionsweisen (von der Agrar-Gesellschaft zur Digitalgesellschaft),so beschreiben wir sie im Sinne Max Webers (hier durchaus weitgehend einig mit Karl Marx und dessen historischem Materialismus) als Aufeinanderfolge von Rationalisierungen: immer weiter hat der Mensch seine eigene Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt: vom mechanischen über den automatischen (dampfgetriebenen) Webstuhl, von der CNC-gesteuerten Einzelmaschine bishin zur vollautomatischen Fabrik ein gerader Weg, der immer höhere Produktivität brachte und immer weniger Menschen brauchte…
Denken wir dieses Modell weiter, so liegt die Stufe der vollständigen Ersetzbarkeit des Menschen in der Produktion direkt auf diesem Weg. Ist doch eigentlich prima: so können wir Menschen nur noch konsumieren und genießen, während die Maschinen (,die sich dank KI und AGI (Artificial General Intelligence) sogar selbst weiter optimieren und ihre Software-Steuerung verbessern, während andere Roboter gleichzeitig schon die noch leistungsstärkeren Folge-Generationen (Hard- und Software) entwickeln.
Soweit also die Utopie – alles wird gut; ja: …das Schlaraffenland ist in Sicht.

Und doch sollten wir manchmal Nachdenken über die Befindlichkeiten unseres Landes, und das mit Lyrik und Musik – hier endlich ein Musik-Video-Tipp: Einstürzende Neubauten – Die Befindlichkeit des Landes]

C: Die Selbstentblößung der Seele (Zitat: Doris Graf)
Wir bewegten uns oben in der positiven Utopie, in der Blase der High-Tech-Unternehmer, die an dieser Zukunft arbeiten und darauf vertrauen, dass die technischen Fortschritte all dies so ermöglichen werden, wenn man sie nur machen lässt – ohne durch (Über-)Regulierung den Elan der der Macher und die Eigendynamik der Entwicklung auszubremsen.
Donald Trump ist die (oder der?) Faust, dem die Übermächtigen (eine Art kollektiver Mephisto?) einflüstern wo es wie lang geht. Trump macht den Weg frei (besser als die Volksbank?). Gerade (erst letzten Donnerstag, dem 24.07.) hat der Präsident seine Entscheidung kund getan, dass Amerika den Kampf um die Vorherrschaft in der KI-Entwicklung gewinnen wird. Hierzu ein aktueller Video Beitrag von Elmar Theveßen im ZDF.

Nun haben wir hier in der Hinkelstein-Reihe schon oft und deutlich unsere Zweifel an dieser Utopie bekundet:
1. gibt es sicherlich viele praktische Fragen, was die Machbarkeit dieser Utopie betrifft. Doch wollen wir darauf zunächst nicht eingehen; wir lassen die nervige typisch deutsche Bedenkenträgerei einfach mal weg:

Als Team von Dystopen sind wir ja nicht nur notorische Nörgler, sondern auch (in diesem Punkt modern: energiesparende) Überflieger und wenden uns dem Thema mit unserer kunstportal-typischen radikaleren Fragestellung zu:
Könn(t)en wir Menschen damit klarkommen, überflüssig zu sein, nur noch zu konsumieren, nicht mehr (richtig) zu arbeiten, nicht mehr Denken zu müssen oder zu dürfen?

Wenig überraschend verneine ich dies entschieden. Abgesehen davon, dass so ein Leben in der Hängematte höchstwahrscheinlich schlecht fürs Kreuz wäre: wir würden das nicht aushalten. Unsere Seele würde dabei massiv Schaden nehmen, deshalb wehren wir uns dagegen:
Und sind dabei in bester Gesellschaft:
– Die Revolutionäre in der Matrix tun alles, was sie können, um Menschen zu bleiben, um also nicht als Avatare existieren zu müssen.
– Der Bordcomputer HAL (der Name H_A_L ergibt sich aus IBM, jeweils einen Buchstaben vorher) verliert während (Stanley Kubricks: 2001-) Odysee im Weltraum etliche Punkte auf der Beliebtheitsskala. Ridley Scott (Alien) zitiert später diese Geschichte in vielen Punkten: in einer klaustrophobisch-düsteren Raumschiff-Umwelt hat Sgt. Ripley viel Ärger mit dem Androiden Ash, der die Projektziele durchsetzen will – auch gegen die Menschen an Bord.
– last, but not least unser guter alter Terminator: John Connor und seine Mitstreiter bekämpfen mit Skynet ebendie künstliche Intelligenz, die wir uns als inzwischen reale Option vorstellen sollten.

Und ach ja: wir hatten in Hinkelstein 48 versprochen, Peter Sloterdijk noch genauer zu Wort kommen zu lassen: Im Kern des Artikels, auf den wir uns heute nochmal beziehen, beschreibt er, wie unsere Sprache dadurch ärmer wird, dass wir uns in unseren Formulierungen und folglich auch in unserem Denken, den Erwartungen und Anforderungen der Maschinen – der KI-Programm anpassen:

Ironisch charakterisiert Sloterdijk zunächst die KI als „Alten Hut“, schon vor etlichen Jahren bekannt als Kybernetik (=die Kunst der Steuerung!):
„Martin Heidegger hielt diese neue Entwicklung für fatal, weil sie einen nächsten Schritt in die totale “Seinsvergessenheit“ zu bedeuten schien, so Sloterdijk: “Alles Denken sollte endgültig durch das Rechnen ersetzt werden. Digitalität bringt den Tod des Denkens – das war seine düstere Prognose.“

Klarerweise geht Sloterdijk dann noch ein paar Schritte weiter, die ich anhand des FAZ-Artikels nachzuzeichnen versuche – leider ohne dass mir der vollständige Vortragstext Sloterdijks vorliegt.
Wir Menschen, die wir offenbar als Konsumenten noch gebraucht werden und, was die Arbeit betrifft, vorerst auch noch als Programmierer, passen unsere Sprache der digitalen Welt an: dieser Anpassungsprozess impliziert/produziert einen Imperativ,die persönlichen Sprachgewohnheiten, ja das persönliche Denken auf den Prompt-Modus umzustellen, auf intelligente Aufgabenbeschreibungen für die Künstliche Intelligenz ...“
(Quelle: Christian Geyer in der FAZ vom 30.06.25; S.11)

Schon George Orwell hat ja in seinem 1984, dem Idealtypus des totalitären Systems, hervorragend veranschaulicht, dass unsere Sprache ganz wesentlich ist für unser Menschsein. Die Anpassung (Newspeak) der Sprache an die Gleichschaltungsregeln, an die Bedürfnisse des totalitären Herrschafts-Sytems bedeuten unmittelbar einen Verlust für unser Menschsein.
[ Apropos zusammenhanglos, bzw. apropos Newspeak: Diese kennt ja altmodische wie Begriffe wie Kunst oder Liebe gar nicht mehr; wer diese verwendet wird 1984 wegen schweren Gedankenverbrechens eingebuchtet. Vielleicht ein kleiner Trost: der Lyriker und Musiker Sven Regener und Musiker (Musik: Element of Crime) fragte vor Jahren schon mit: Ohne Liebe geht es auch ? ].
Wer die heutige politische/gesellschaftliche Entwicklung genauer beobachtet, entdeckt vielfach Prozesse der sprachlichen Gleichschaltung – durch u.a. Political Correctness insgesamt und die zunehmende Cancel Culture; deutlicher noch sind die inhaltlichen(!) Sprachkorrekturen in den USA: Die historischen Fakultäten amerikanischer Universitäten beklagen zunehmend, dass Trump die amerikanische Geschichte rückwirkend verschönert (mehr Helden, weniger Sklaven, positivere Geschichten). All dies wird technisch sehr vereinfacht durch die Digitalisierungs des Wissens.
Ein Anfang ist gemacht.

Über die Bedeutung der Sprache, der sprachlichen Gleichschaltung habe ich hier im Feuilleton des kunstportals baden-württemberg, schon in grauer Vorzeit einige Überlegungen in Essays getextet, bevor es den Hinkelstein gab, im Jahr 2021: Im Sinne der angestrebten Usability dieses Beitrages (siehe oben) erlaube ich mir, darauf einfach zu verlinken: Freiwillig und exklusiv zu lesen für die, die es lesen wollen:
April 2021: Systemstreit digital. Ist eine demokratische Digitalgesellschaft möglich?
Juli 2021: (Wie) ist technologischer Totalitarismus möglich?: | Die affirmative Wolke

Wieder ist der Hinkelstein etwas lang geraten; das liegt daran, dass das Thema so wichtig ist. Doch werden wir die Kunst nicht aus dem Fokus verlieren, wobei diese uns auch entgegenkommt: immer stärker befassen sich Künstler mit unseren Hinkelstein-Themen – Internet, Totalitarismus, gesellschaftliche Entwicklung.
Auch unser Künstlerinnen-Porträt im August wird dies deutlich sichtbar machen.

Den Arbeitstitel dieses Künstlerinnen-Porträts nehme ich heute als Titel dieses Hinkelsteins:
die Selbstentblößung der Seele

Auch in unseren wie gewohnt folgenden guten Nachrichten aus der Kunst am Sonntag, ist erfrischend zu erleben, wie intensiv sich die Künstlerinnen und Künstler mit unseren Themen der Zeit befassen:

Hierzu deshalb wie gewohnt unsere

guten Nachrichten aus der Kunst am Sonntag, dem 27.07.2025:

Neu am 27. Juli 2025: | Künstler | 13.09. – 05.10.2025 | Christine BauerIris KamlahSylvia KieferHannelore LanghansLilo MaischSabine Schäfer u.a. | Vernissage: Fr, 12.09.2025, 19 Uhr | GEDOK Karlsruhe | ZEIT.LOS
Neu am 27. Juli 2025: | Museum ART.PLUS Donaueschingen | 29.06. – 05.10.2025: | Reinhard Sigle
Neu am 27. Juli 2025: | ZKM Karlsruhe | Fr, 14.11.2025; 15 – 18 Uhr | Hertzlab: | »Open Hertzlab – Am offenen Her(t)zen«
Neu am 27. Juli 2025: | Hausbesuche: | Jürgen Linde zur aktuellen Ausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen | 25.07. – 26.10.2025: | »Linolschnitt heute – XIII Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen«: | Krieg liegt in der Luft …
Neu am 27. Juli 2025: | Newsletter  Hinkelstein: | Sonntag früh frisch auf den Screen: | Hinkelstein 49 vom 27. Juli 2025: | Die Selbstentblößung der Seele – sind wir Menschen überflüssig?

Wir wünschen Ihnen einen wirklich schönen Sonntag, der ganz nach Wunsch verläuft und mit ein paar erfreulichen Überraschungen, mit denen niemand gerechnet hat.

Obelixa, Sonntag, 27.07.2025