Hinkelstein: | Nr. 82 am 06.08.2026 | die Welt wird enger mit jedem Tag

Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,

nur, um den Zusammenhang herzustellen, beginne ich mit einem Zitat aus dem letzten Hinkelstein:

Die Verkleinerung der Welt; eine These, die ich aufrecht erhalte, ergibt sich erst aus dem dynamischen Zusammenwirken von Digitalisierung, Social-Media und “Handy-Kultur“.
Sicher gibt es auch dialektische Gegenbewegungen, die wir nicht ignorieren wollen.
Da wir ja nicht immer all diese Bewegungen auf einmal bearbeiten können, fokussieren wir uns heute zuerst auf die Digitalisierung:

Mir vorgenommen / Ihnen versprochen hatte ich somit einen 3. und abschließenden Teil unserer „Weltverkleinerungs-Unter-Reihe“. Social-Media und die Handy-Kultur sollten erneut in den Fokus gerückt werden.
Nun werden Sie mir wahrscheinlich zustimmen, dass gerade zu diesen beiden Themen hier im Hinkelstein wie auch anderen Ortes inzwischen genug gesagt ist.

Diesbezüglich noch immer selbstkritisch gestimmt, wage ich sogar den Verdacht, dass dies alles nicht gar so neu, sondern, wie so vieles, schon mal dagewesen ist: Klar kann man es als traurig oder gar als kulturellen Niedergang empfinden, wenn die meisten Menschen, egal ob im Regionalzug oder im Gasthof, lieber auf ihr Smartphone-Display glotzen und Whats-Apps tippen, als dem Gegenüber ins Gesicht zu schauen oder gar ein Gespräch zu beginnen.

Anderseits war es schon in meiner Jugend üblich, dass die Menschen, die sich in einem Fahrstuhl im Hochhaus eben nicht begegneten, mit verblüffend großem Interesse an die Decke starrten. Wahrscheinlich sind beide Körperhaltungen auf Dauer eher ungesund und nicht sehr hilfreich für unseren aufrechten Gang.
Über die langfristigen Auswirkungen dieser Phänomene können bestimmt die Orthopäden und die medizinische Forschung mehr sagen als wir kunstportal-Redakteure.

Schon im Hinkelstein 77 vom 28.06.2026 ging es ja um das Thema Digital-Detox, also um die wachsende Verbreitung von Tools und – von Usern selbstgewählten – Strategien zur Begrenzung des eigenen Handy-Konsums, was in gewissen Maße ja auch die Begrenzung der Social-Media Nutzung impliziert. Der Markt, die erwachsenen Menschen selbst, werden dies regeln.

Auch bei Jugendlichen scheint sich der Trend zu weniger Handy-Nutzung zu stablisieren:
Die Zeit, die Jugendliche pro Tag online sind, hat zuletzt jedoch abgenommen und betrug 2024 im Schnitt 201 Minuten – rund 10 Prozent weniger als im Vorjahr. Das könnte daran liegen, dass viele Teenager durch den ständigen Internetkonsum negativen Einflüssen ausgesetzt sind …
Quelle: iwd

Dennoch war kürzlich zu lesen , dass sich heute 16jährige, die vielerorts schon wählen dürfen, sich zu ca. 60% via Social-Media informieren, so bleiben doch unsere Bedenken diese jungen Leute betreffend, die ja auch öfter als Ältere Sucht-Symptome zeigen.
Doch sehen wir ja alle, dass die Gefahren der Social-Media (-Sucht) immer stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Besonders spektakulär war kürzlich die Anklage mehrerer US-Bundesstaaten gegen META (facebook, Instagram, WhatsApp – Mark Zuckerbergs Imperium) in Kalifornien. Im Raum standen der Vorwurf, die Social-Media-Sucht bei Kindern mehr oder weniger absichtlich in Kauf genommen zu haben und, damit verbunden, dann eine Schadenersatz-Zahlung von 200 Milliarden $ (u.U. noch mehr).

Zwar hat niemand erwartet, dass es zu einer solchen – selbst für Meta nicht „läppischen“ Strafzahlung kommen würde, doch zeigt der innerhalb nur einer Woche erreichte „Vergleich“ über 16,7 Mrd.$ (auch keine Peanuts …?) , dass der Ernst der Lage allseits erkannt wurde und dass die Medienriesen nun unter Beobachtung stehen …

Nun, unabhängig von all dem, kommen wir zur zweifellos wichtigsten Gegenbewegung gegen den kulturellen Niedergang durch Digitalisierung, Handys und Social-Media.

Die Kunst:

Diese entzieht sich der Digitalisierung nicht nur grundsätzlich aufgrund ihrer transzendentalen und auratischen Qualitäten, sondern in vielen Fällen auch aus ganz praktischen, materialen Gründen:

Vielleicht nicht ganz zufällig, erleben wir immer öfter Kunstausstellungen, die sich fokussieren auf Materialien, die wir nur optisch und haptisch erleben können: so hat etwa der in Stuttgart lebende Künstler und Kurator Jan-Hendrik Pelz mit einer sehr umfangreichen und sehr erfolgreichen Ausstellung im Schloss Untergröningen – Textil als künstlerisches Prinzip vorgestellt:

Min BarkJan-Hendrik PelzJustyna KoekeConstanze RaachPatricia Waller u.a.: | 09.05. – 16.08.2026 | Kunst im Schloss Untergröningen e.V. | Kurator Jan-Hendrik PelzSOFT STRUCTURE – Textil als künstlerisches Prinzip

Bild oben: Bild oben: © Ketuta Alexi-Meskhishvili: there but not, Kunstverein Braunschweig, 2025, installation view. Photo by Frank Sperling. Courtesy Galerie Molitor, Berlin.
Kunsthalle Baden-Baden: bis 13.06.2027 | Ketuta Alexi-Meskhishvili: Curtain Comissions

Genauso befasst sich eine der beiden aktuellen Ausstellungen der Kunsthalle Baden (noch zu sehen bis 13.06.2027) mit textiler Kunst:
Ketuta Alexi-Meskhishvili: Curtain Comissions

Erst recht und immer schon lebt eine ganz wichtige Sparte der Bildenden Kunst – die Bildhauerei – eigentlich nur analog: egal ob gedruckt in einem Katalog oder auch in hoher Bild-Qualität am Bildschirm – die zweidimensionalen Bilder dreidimensionaler Objekte motivieren uns dazu, diese Skulpturen im Original zu erleben. Dazu nur ein, aber besonders gutes und hier aktuelles Beispiel: die Werke des Steinbildhauers Dieter Kränzlein, den wir im aktuellen September-Künstlerporträt vorstellen, wollen live erlebt werden: Feine Strukturen – für die Ewigkeit? – über den Stein-Bildhauer Dieter Kränzlein – kunstportal-baden-wuerttemberg

Die Kunst gehört eindeutig zu den Bereichen unseres Lebens und unserer Wahrnehmungswelt, die sich der Vereinnahmung durch Digitalisierung und/oder durch die Popkultur grundsätzlich entziehen. Die Kunst bleibt unser kleines, aber uneinnehmbares gallisches Dorf.

Hier im Dorf haben wir noch dazu den Vorteil, dass uns die Kunst den Blick zu öffnen vermag; Künstler entwickeln/ entdecken für sich wie auch dann für uns immer neue Perspektiven und Sichtweisen; die Welt wird weiter; wir gewinnen Abstand und Nähe und sehen klarer mit der Kunst.

Die Römer hingegen, die wohl nie aufhören werden, unser Dorf anzugreifen, befinden sich, sagen wir: in einem dialektischen Dilemma:

Der über viele Jahre hinweg erfolgreiche Versuch, das römische Reich immer weiter auszudehnen, führte, wie wir aus dem Geschichtsunterricht erinnern, zu zwar wachsendem Wohlstand weniger Mächtiger, die gezwungen waren, das einfache Volk zu beruhigen mit Brot und Spielen. Im Streben, das Imperium auszudehnen, führten Brot Und Spiele und die Machtgier unweigerlich in die Dekadenz, an der das römische Imperium zugrunde ging.

Vielleicht wiederholt sich ja doch die Geschichte: die heute recht überschaubare Gruppe weniger superreicher Menschen, die den technischen Fortschritt vergöttern und auch (wie explizit Elon Musk) bereits die Besiedlung anderer Planeten ernsthaft planen, haben Mitarbeiter wie etwa Donald Trump, der die Um-Gestaltung seines Palastes ja auch an römischen Vorbildern orientiert und der auch schon Brot & Spiele liefert: anläßlich seines 80.ten Geburtstages gab es ein archaisches Kampfevent (Gladiatoren im Käfig) vor dem Weißen Haus; vor kurzen folgte ein “Stock-Car-Rennen mitten in Washington“.

Brot & Spiele für alle gibt es dann im Internet:
Noch kein ganzes Jahr regiert Donald Trump, und schon gleicht Amerika zunehmend der Glitzerstadt Las Vegas in der Geröllwüste Nevadas. Auf dem Strip zwischen Casinos und Luxushotels, geblendet von Tausenden bunten Lichtern und riesigen Reklamen, ist die öde Leere ringsherum nicht wahrzunehmen.
(Tobias Endler in der Frankfurter Rundschau vom 06.01.2019)

Die Dekadenz schreitet unverkennbar voran. Und wie bei den Römern, ist der unbedingte Wille zur Machtvergrößerung die Triebkraft.

Gleichzeitig wird die Welt dabei kleiner: während Elon Musk die unendlichen Weiten des Universums vor Augen hat und sich selbst als Visionär betrachtet, bleibt dem gemeinen Fußvolk nur die Glitzerwelt Nevadas – und diese auf dem kleinen Display unserer Smartphones:
Hier wiederum dominieren die Social-Media, die ja auch unsern Blick manipulieren, verengen: immer steht am Ende das klare und einzige Ziel: Jasagen und Konsumieren.

Bild links: Henning Eichinger:
Accumulation of Little Overloads, 2014; Öl und Emaille auf Leinwand, 150 x 170 cm
Dazu: Jürgen Linde über Henning Eichinger:
„Die Geister, die ich rief“

Während Jürgen Habermas seinerzeit „Die neue Un-Übersichtlichkeit“ – sagen wir leicht ironisch: als „Qualität“ der Moderne herausgearbeitet hat, suggeriert uns die Digitalität dank ihrer Algorithmen eine vermeintliche Übersichtlichkeit:
Die Welt wird, dank Digitalisierung und Social-Media übersichtlicher, klarer auch und auch einfacher: wir bekommen die Wahrheit auf Mausklick, und deren Bewertung in Rankings – alles direkt auf den Smartphone-Screen:
Meine Mode-App sagt mir, welche Must-Haves ich heute noch (15% Rabatt nur noch bis Mitternacht) bestellen muss, Looksmaxxing sagt mir, welche körperlichen Mängel ich – spätestens gestern – unbedingt angehen muss, wenn ich in der Single-Börse überhaupt endlich mal ernst genommen werden will, etc.

Die unüberschaubare Warenwelt suggeriert uns Vielfalt, Freiheit und sogar individuelle Selbstverwirklichung – Finde bei uns Deinen ganz persönlichen Sommer-Look! – eben durch Konsum, auf den in Social-Media alles hinausläuft.
Wenn wir Social Media nicht aufhalten, bleibe ich bei meiner These: die Welt wird kleiner.

Schöner und auch treffender jedoch formulierte diese Erkenntnis zwischen 1917 und 1920 schon Franz Kafka in einer seiner kürzesten Erzählungen:
Erschreckend fast, mit welcher Weitsicht und Klarheit dieser geniale Künstler damals schon unsere heutige Welt beschreibt:

Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Dazu nun endlich die passende, stimmig klaustrophobische Musik: The Cure – Lullaby

Zeit also, die Richtung zu ändern. Wenn wir unseren Kopf von den Social-Media abwenden, gerät bald die Kunst wieder in den Blick: Wie etwa in den guten Nachrichten aus der Kunst, die es auch am heutigen Sonntag wie sowieso an jedem Tag in unserem kunstportal-baden-wuerttemberg gibt:

Neu am 06. September 2026: | Künstler | 10.09. – 25.10.2026 | Inessa Siebert und Steffen Diemer: | Forum Alte Post in Pirmasens | Vernissage: Do, 10.09.2026; 19 Uhr: | „Die Stille in Dir“
Neu am 06. August 2026: GEDOK Karlsruhe | 17.10.2026; 15 Uhr | Lea Ammertal (Texte) und Ulli Wicke (Fotografien): | Lesung und Ausstellung | Veranstaltungsort: Palais Max Karlsruhe (Café im PrinzMaxPalais): | Da capo – Lyrik trifft auf Fotografie
Neu am 06. August 2026: | Newsletter Hinkelstein: | Hinkelstein 82 – Die Verkleinerung der Welt (?)III


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Eröffnung 06.09.2026; Fr – So: 12 – 17 Uhr: | 06.09.2026 – 07.03.2027 | Katharina HinsbergKatharina Grosse, u.a. | Siza-Pavillon, Raketenstation Hombroich | Was Jetzt Ist – 30 Jahre Raketenstation Hombroich
Eröffnung: So, 06.09.26; 11 Uhr: | Künstler | Thomas Heger u.Oliver Christmann | 06.09. – 04.10.26 | Kunsthaus Troisdorf | Colourshow
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